Geschichte einer Dämonisierung. Promedia, Wien 2016. 303 Seiten, 19,90 EUR.
Dass eines Tages »die Russen kommen« würden, wenn man sie nicht aufhielt, gehörte in Westdeutschland zu den Standards der Kalte-Kriegs-Propaganda. Auch nach dem Ende der Sowjetunion besteht das Feindbild fort: Es ist seit Jahrhunderten im kollektiven Bewusstsein verankert. Diese unendliche »Geschichte einer Dämonisierung« erzählt der Wiener Publizist Hannes Hofbauer in seinem faktenreichen Buch »Feindbild Russland«. Eine Studie für das Jahr 2014 ergab, dass 90 Prozent aller Kommentare über Russland in vier deutschen Leitmedien negativ waren. Wer dagegen die Motive der russischen Politik überhaupt nur nachvollzuziehen versucht, gilt schnell als »Putin-Versteher«. In diesem Klima von Hetze und Verdummung wirkt Hofbauers Buch wohltuend, auch gelegentliche polemische Spitzen sind durchaus berechtigt. Apologetisch wird er, wenn er die Existenz eines russischen Nationalismus schlicht abstreitet: Russische »Patrioten« hätten lediglich »ein positives Gefühl zum Staat, in weiterer Folge sind es der Führer (sic!) - also Putin -, das Territorium, die Geschichte und die Kultur, zu der sich ein Patriot positiv bekennt.« Auch die Repression gegen Menschen, die anders sind - etwa LGBT-Aktivist_innen - verniedlicht er: Schließlich werde in Russland nur die »Werbung für Homosexualität« verfolgt. Hofbauers Buch könnte als eine Art Gegengift gegen die tägliche Indoktrination verstanden werden. Leider vertut er sich mitunter bei der Dosierung.
Buchbesprechung von Jens Renner
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