Donnerstag, 20. Oktober 2016

Tuvia Tenenbom ■ Allein unter Amerikanern

Eine Entdeckungsreise
Die USA rühmen sich, »das Land der Freien und die Heimat der Tapferen« zu sein. Das wahre Amerika jedoch, so Tenenboms bestürzende Erkenntnis, ist weder frei noch tapfer, sondern ängstlich darauf bedacht, alle Freiheiten einzuschränken. Es ist in sich zutiefst gespalten, rassistisch und hasserfüllt. »Kann sich die Menschheit auf die USA verlassen? Ich würde es nicht tun.«

Heribert Prantl ■ Trotz alledem!

Europa muss man einfach lieben
Trotz des Brexit, trotz der Eurokrise, trotz des Scheiterns einer solidarischen Politik in der Flüchtlingskrise; trotz alledem – und erst recht angesichts der neuen nationalistischen Front quer durch Europa: Heribert Prantl hält ein leidenschaftliches Plädoyer für die Europäische Union als der größten Errungenschaft in der Geschichte des Kontinents. Dieses Europa, so Prantls Anliegen, soll gestärkt aus seiner Krise hervorgehen: demokratischer, sozialer, bürgernäher.

Branko Milanovic ■ Die ungleiche Welt

Migration, das Eine Prozent und die Zukunft der Mittelschicht
Ein paar Dutzend Milliardäre verfügen über so viel Geld wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung.
Von Barack Obama bis zu Thomas Piketty, die führenden Köpfe unserer Zeit sind sich einig: Ungleichheit ist eines der drängendsten Probleme der Gegenwart. Anhand neuer, haushaltsbasierter Daten zu Einkommen und Vermögen untersucht Branko Milanovic die Ursachen und Folgen differenzierter als alle anderen Forscher vor ihm. Er zeigt, dass zwar der Abstand zwischen armen und reichen Staaten geringer geworden ist, das Gefälle innerhalb einzelner Nationen jedoch dramatisch zugenommen hat.
Armut und Perspektivlosigkeit sind treibende Kräfte für internationale Migrationsbewegungen. Noch immer ist das Geburtsland eines Kindes der entscheidende Faktor für die Höhe seines zukünftigen Einkommens. Milanovic analysiert den Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Migration – und plädiert für ein radikal liberales Einwanderungsrecht. Ein aktuelles, ein engagiertes Buch, das die Art und Weise, wie wir über unsere ungleiche Welt denken, verändern wird.

Hannes Hofbauer ■ Feindbild Russland

Geschichte einer Dämonisierung. Promedia, Wien 2016. 303 Seiten, 19,90 EUR.
Dass eines Tages »die Russen kommen« würden, wenn man sie nicht aufhielt, gehörte in Westdeutschland zu den Standards der Kalte-Kriegs-Propaganda. Auch nach dem Ende der Sowjetunion besteht das Feindbild fort: Es ist seit Jahrhunderten im kollektiven Bewusstsein verankert. Diese unendliche »Geschichte einer Dämonisierung« erzählt der Wiener Publizist Hannes Hofbauer in seinem faktenreichen Buch »Feindbild Russland«. Eine Studie für das Jahr 2014 ergab, dass 90 Prozent aller Kommentare über Russland in vier deutschen Leitmedien negativ waren. Wer dagegen die Motive der russischen Politik überhaupt nur nachvollzuziehen versucht, gilt schnell als »Putin-Versteher«. In diesem Klima von Hetze und Verdummung wirkt Hofbauers Buch wohltuend, auch gelegentliche polemische Spitzen sind durchaus berechtigt. Apologetisch wird er, wenn er die Existenz eines russischen Nationalismus schlicht abstreitet: Russische »Patrioten« hätten lediglich »ein positives Gefühl zum Staat, in weiterer Folge sind es der Führer (sic!) - also Putin -, das Territorium, die Geschichte und die Kultur, zu der sich ein Patriot positiv bekennt.« Auch die Repression gegen Menschen, die anders sind - etwa LGBT-Aktivist_innen - verniedlicht er: Schließlich werde in Russland nur die »Werbung für Homosexualität« verfolgt. Hofbauers Buch könnte als eine Art Gegengift gegen die tägliche Indoktrination verstanden werden. Leider vertut er sich mitunter bei der Dosierung. 
Buchbesprechung von Jens Renner